|
Santoro (31) gehört bereits zu den begehrtesten Jungdarstellern in Brasilien und ist gerade dabei, sich in den USA nach oben zu arbeiten. Mit der brasilianischen Produktion Abril despedaçado (Hinter der Sonne) war er 2002 in der Kategorie Bester Fremdsprachiger Film für den Golden Globe nominiert. Überdies gehörte Santoro neben Alan Rickman und Keira Knightley zum Ensemble der erfolgreichen Liebeskomödie Tatsächlich ... Liebe (2003). Auf deutschen Bildschirmen ist er aktuell als Paulo in der erfolgreichen ABC-Serie Lost auf Pro7 zu sehen.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Drehbuch für 300 bekamen?
Eigentlich habe ich zuerst den Comic gesehen, und ich dachte, dass es ein sehr interessantes Projekt werden würde. An diesem Projekt ist alles neu. Ich habe nie zuvor mit einem Comic gearbeitet, ich habe nie zuvor vor Blue Screen gearbeitet, und ich habe noch nie so einen Charakter gespielt. Deshalb war alles völlig neu für mich - eine interessante Erfahrung, etwas Anderes und Neues auszuprobieren. Als ich das Drehbuch bekam, lief das Vorsprechen für diese Rolle bereits. Ich war in Brasilien auf einem Dreh und schickte ihnen ein Band von mir. Auf dem Band war nur eine der Szenen - dann habe ich das Drehbuch schließlich bekommen.
Was halten Sie denn von der Comicvorlage?
Es ist ziemlich interessant, was Frank Miller gemacht hat, diese einzigartige Vision, und sie ist klar und greifbar. Es ist alles da, die Figuren haben eine Seele. Und wenn Sie den Comic ansehen, dann ist das nicht einfach nur irgendeine Zeichnung. Da passiert etwas.
Ich hatte mein eigenes Exemplar des Comics während der Dreharbeiten immer dabei. Er war eine tolle Inspirationsquelle. Vor allem, weil der Comic eine dermaßen neue Welt für mich war, im Hinblick darauf, wie man sich in so einer Welt voller Phantasie bewegt. Ich wollte mich in dieses Universum versenken. In Brasilien würde man so etwas wie Frank Millers 300 eher eine graphische Erzählung nennen, also einen sehr anspruchsvollen Comic. 300 hat mich erst auf dieses Genre aufmerksam gemacht.
Wie war es für Sie, vor Blue Screen zu drehen?
Es fühlt sich anders an. Irgendwie unecht, weil man nichts um sich herum hat, aber gleichzeitig fand ich es sehr interessant, weil es gewissermaßen auch eine befreiende Erfahrung ist.
Man muss sich alles vorstellen. Zum Beispiel müssten wir uns jetzt vorstellen, dass dieses Zimmer brennt, obwohl hier alles ganz normal ist. Trotzdem muss man keuchen und sich so fühlen, als würde es hier brennen. Die Phantasie ist das wichtigste dabei, und es ist anstrengend. Man muss alles geben, was man hat, mit viel Energie. Deshalb ist es eine schwierige Arbeit, aber ich glaube, man hat dadurch eine bessere Verbindung zu den anderen Schauspielern, weil sie alles sind, was man in der Szene sehen kann. Manchmal hat man ja nicht einmal andere Schauspieler. Wie in meinem Fall, denn mein Charakter war so groß, dass ich die ganze Zeit nach unten schauen musste, weit nach unten. Es ist eine ganz andere Erfahrung, eine gute Übung für einen Schauspieler.
Und wie fühlten Sie sich, als Sie den Film mit den fertigen Effekten sahen?
Ich war hin und weg, weil ich mir das alles gar nicht hatte vorstellen können. Wir hatten den Comic und wussten deswegen, wie es ungefähr aussehen würde. Aber als ich alles fertig vor mir sah, war ich völlig verblüfft. Ich hatte noch nie zuvor so etwas gesehen. Ich fand den Film sehr anders, sehr stark. Er war gewalttätig, aber selbst die Gewalt ... ich mag das eigentlich nicht, aber sogar die Gewalt passte sich in das Gesamtbild ein. Ich hätte mir den Film auch angeschaut, wenn ich nicht mitgespielt hätte. Ich hätte ihn angesehen und mir dann gedacht: »Wow!« Er kam mir vor wie eine Oper.
Im Film sehen Sie völlig anders aus - die Leute werden Sie überhaupt nicht wiedererkennen.
Oh, das ist gut! Für einen Schauspieler ist es gut, die Gelegenheit zu haben, hinter einer Rolle beinahe zu verschwinden, und das ist so eine Rolle.
Ich wette, wenn Sie Xerxes spielen würden, würden Sie auch hinter ihm verschwinden. Ich hatte eine Glatze, keine Haare - nirgendwo - und überall Metall, diese Piercings und das alles. Fünf Stunden Maske! Ich saß herum, und nach und nach wurden die Piercings angeklebt. Weil Xerxes so sehr mit seinem Ego beschäftigt ist, habe ich die Zeit genutzt, um mich darauf zu konzentrieren. Ich habe meine Kopfhörer aufgesetzt, etwas Musik gehört und versucht, in diese Ego-Welt hineinzukommen. Es war also eigentlich gut, diese fünf Stunden zu haben.(...)
Das Interview führte Verena Stöcklein
Mehr zu lesen gibt es in der Nautilus 37
|