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Bevor der vierzigjährige Zack Snyder sich dem Spielfilm zuwandte, hatte er sich bereits als einer der kreativsten und gefragtesten Regisseure im Bereich der Werbung und der Musikvideos etabliert. Seine ganz persönliche Filmhandschrift führt Snyder teilweise auf seine künstlerische Ausbildung an der Heatherlies-School in London zurück, wo er Malerei studiert hat. Sein Kinodebüt gab er mit dem erfolgreichen Horror-Thriller Dawn of the Dead (2004), einer Neuverfilmung von George A. Romeros Zombie.
Einen Comic wie 300 zu verfilmen war sicherlich nicht leicht. Was halten Sie von der Art, in der Frank Miller die Figuren und Schauplätze gestaltet hat? Mit der historischen Wirklichkeit hat das ja nicht viel zu tun.
Ja, es ist sogar anders als die Wirklichkeit. Xerxes sah nicht so aus, und die Griechen sahen auch nicht so aus. Wenn Sie die Thermopylen besuchen und sich die Statue des Leonidas ansehen, werden Sie feststellen, dass er nackt ist. Ich verstehe in gewisser Weise, warum Frank ihn so gemalt hat - ich glaube, dass er sagen wollte: »Wenn ich Grieche wäre und diese Geschichte erzählen würde, sähe die idealisierte Form der Geschichte so aus.« Ist sie tatsächlich so passiert? Wahrscheinlich nicht. Auf jeden Fall sahen die Elitekämpfer der Perser nicht wie Ninjas aus. Das hat sich Frank Miller ausgedacht. Wissen Sie, Frank mag Ninjas. Ich habe ihn gefragt: »Warum hast du die Unsterblichen so gemalt?«, und er sagte: »Weil ich finde, dass sie cool aussehen.«
Einen Film aus einem Comic zu machen, ist sehr kompliziert. Man trifft zu einem sehr frühen Zeitpunkt eine Entscheidung. Man kann nicht nur manche Sachen von Frank Miller verwenden und andere nicht. Denn sobald man sagt: »Ach, wir sollten ein bisschen nachforschen und herausfinden, wie die Unsterblichen wirklich aussahen«, macht man bereits einen anderen Film. Dann sollte man alles historisch korrekt machen, und dann wird es zu einem sehr langwierigen Dreh an Originalschauplätzen - ohne Spielereien. Dann brauche ich beide Sichtweisen. Dann muss ich wissen, was Xerxes denkt: Warum führt er diesen Angriffskrieg? Warum ist er wütend? Warum werden die Spartaner missverstanden? Das wäre ein völlig anderer Film - nein, nicht nur ein anderer Film, es wäre eine andere philosophische Herangehensweise an den Film.
Wie in Millers Comic haben Sie nicht die historische Wirklichkeit, sondern das stilisierte Bild der Spartaner verwendet. Wo sehen Sie die Wurzeln der Legende um die spartanischen Krieger?
Wissen Sie, die spartanische Gesellschaft war darauf ausgerichtet, eben nicht in den Krieg zu ziehen. Dieses Volk konnte eine beeindruckende Kriegsmaschinerie in Gang setzen, aber es verdankte seinen legendären Status dem Umstand, dass die Soldaten Spartas so oft wie möglich nicht gekämpft haben. Man wird zu einer berühmten Kriegerkultur, wenn man kämpft und gewinnt, und deshalb sollte man nicht oft kämpfen. Denn egal, wie gut man ist, wenn man ständig in den Krieg zieht, verliert man irgendwann, und das wars dann mit der Legende.
Das spartanische Heer wurde also absichtlich verklärt. Sparta brauchte diese berühmten Soldaten, um seine Sklavenkultur am Laufen zu halten. Man bildete einen beeindruckenden Krieger aus, aber man versuchte, ihn nicht kämpfen zu lassen, weil ja die Möglichkeit bestand, dass er verlieren könnte. Er wurde also zu einem Symbol der Angst. Man hat ihn herumgezeigt und gesagt: Wenn ihr euch gegen uns auflehnt, dann greifen Kerle wie dieser hier euch an.
Apropos angreifen: Bei der Premiere von 300 mussten Sie sich einige böse Fragen über die Darstellung von Spartanern und Persern anhören. Ist Ihr Film politischer als Frank Millers Comic?
Ich glaube nicht, dass der Film politischer ist als das Buch. Neunzig Prozent des Textes stammen aus dem Comic. Frank Miller schämt sich nicht für das, was er tut. Ich glaube, ich bin in politischer Hinsicht sensibler als Frank, weil Frank sich einen Dreck darum schert, was die Leute von ihm denken. Frank lebt ein wenig wie in einem Vakuum. In dieser Hinsicht ist er ein echter Künstler, weil er Comics und Filme nur für sich selbst erschafft. Es passiert eben einfach, dass Leute sich seine Arbeit und seine Welt ansehen und darüber reden.
Die Szene, die meiner Meinung nach den Film am besten zusammenfasst, ist die, in der Leonidas einen Apfel isst, nach dem ersten Kampf. In dieser Sequenz witzeln die Spartaner herum, während sie die halbtoten Perser umbringen, die schwerverletzt auf dem Boden liegen. Und während die Spartaner das machen, sagen sie: »Es gibt keinen Grund, sich unzivilisiert zu verhalten.«
Ich kann nachvollziehen, dass man sich davor fragt: »Was ist das eigentlich für ein Film? Soll ich das genau so hinnehmen?« Aber ich hoffe, dass Sie spätestens nach dieser Szene alle Anspannung fahren lassen können, falls Sie sich bis dahin gefragt haben, ob dieser Film moralisch oder politisch oder faschistisch sein soll. Bei dieses Szene können Sie merken: Okay, der meint das nicht ernst. Das soll gar keine moderne Allegorie sein, denn alles ist völlig übersteigert. Ich verstehe, dass Demokratie oder Freiheit in unserer Welt inzwischen wie böse Worte klingen. Das ist komisch, aber es stimmt. Ich meine, sogar ich bin mir dessen bewusst. Ich schaue mir den Film an, und jemand sagt: »Wir kämpfen für die Freiheit!« Und ich denke mir: »Oh Mann. Freiheit ist schlecht.« Irgendwie fühlt sich das so an, so seltsam es ist. Übrigens ist das auch Teil der Gesamtästhetik. Waren die Spartaner frei? Nein. Die Spartaner waren überhaupt nicht demokratisch. Ich glaube, die Spartaner würden sagen - und ich denke, Frank glaubt das auch - dass sie sich selbst für frei hielten. Die Spartaner dachten, sie seien Gleichgestellte, und dabei war es in der spartanischen Kultur sehr selten, wirklich selten, dass der niederste Soldat ebenso viel zu sagen hatte wie der König. (...)
Das Interview führteVerena Stöcklein
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